Boombranche Gesundheit, Medizin und Pflege

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Die Gesundheitswirtschaft ist ein Beschäftigungsmotor. Im Gesundheitswesen arbeiten derzeit 5,2 Millionen Menschen. Damit ist heute etwa jeder achte Erwerbstätige in dieser Branche tätig. Die Dynamik dieses Jobmotors zeigt sich in bemerkenswerten Beschäftigungszuwächsen: Seit dem Jahr 2000 hat die Zahl der Beschäftigten im Gesundheitswesen um rund eine Million zugenommen. Das entspricht einem Zuwachs von über 27 %.

Bei einer weiter gefassten Definition (inkl. Wellness, Gesundheitstourismus etc.), arbeiteten im Jahr 2013 sogar über 6 Millionen Menschen in der Gesundheitswirtschaft. Demzufolge wäre mehr als jeder siebte Erwerbstätige in dieser Branche tätig. Unter den Erwerbstätigen im Gesundheitsmarkt haben Frauen einen hohen Anteil: Mehr als drei Viertel der Beschäftigten sind weiblichen Geschlechts.

Der Anteil der Branche am deutschen Bruttoinlandsprodukt liegt bei 11 %. Die Gesundheitswirtschaft wächst dabei seit 15 Jahren – je nach Studie – zwischen 2,3 und 3,5 % jährlich. Das Exportvolumen liegt bei mehr als 100 Milliarden € – und damit bereits bei der Hälfte der Automobilindustrie. Im Jahre 2014 wurden − durch alle Ausgabenträger einschließlich Privater − insgesamt 328 Milliarden € für Gesundheit ausgegeben. Das waren 4,2 % mehr als im Vorjahr. Ein Gutachten für das Bundeswirtschaftsministerium im Jahr 2010 kommt zum Ergebnis, dass unter den richtigen Rahmenbedingungen der Anteil der Gesundheitswirtschaft am Bruttoinlandsprodukt bis 2030 auf fast 13 % wachsen kann.

Die Gesundheitswirtschaft ist eine personalintensive Branche. Laut DIHK planen die Betriebe der Gesundheitswirtschaft aller Bereiche einen Stellenaufbau. Fast jedes dritte Unternehmen möchte zusätzliches Personal einstellen. Für 2015 geht der DIHK insgesamt von mindestens 100.000 neuen Stellen in der Gesundheitswirtschaft aus. Damit schlagen sich die gute Wirtschaftslage und die positiven Geschäftserwartungen auch in den Beschäftigungsplänen der Unternehmen der Gesundheitswirtschaft nieder. Ein Risiko stellt aufgrund der hohen Personalintensivität der (auch demografisch bedingte) Fachkräftemangel dar.

Die Beschäftigten der Branche verteilen sich folgendermaßen:

  • Ärztinnen und Ärzte: rund 371.300 berufstätige Ärztinnen und Ärzte (in 2015), an der vertragsärztlichen Versorgung nehmen rund 142.660 Ärztinnen und Ärzte teil
  • Zahnärztinnen/Zahnärzte: rund 71.300
  • Im ambulanten Sektor: (Arztpraxen, Zahnarztpraxen, Praxen sonstiger Gesundheitsberufe) arbeiten insgesamt rund 1.500.000 Beschäftigte (sämtliche Berufsgruppen vom Arzt/der Ärztin bis hin zur Verwaltungskraft) (2012)
  • Beschäftigte in Krankenhäusern: 1.148.000, einschließlich Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen sind es 1.267.000 (2012)
  • Pflege: rund 977.000 Pflegekräfte, davon 31 % (302.000) bei ambulanten Pflegediensten und 69 % (675.000) in Pflegeheimen (2012)
  • Beschäftigte in Apotheken: rund 228.000 (davon 49.288 Apothekerinnen und Apotheker (2012)
  • Beschäftigte in der pharmazeutischen Industrie: 141.000 (2012)
  • Medizintechnik: rund 190.000 Beschäftigte in über 12.000 Unternehmen, weitere 30.000 Mitarbeiter sind im Einzelhandel für medizinische und orthopädische Güter tätig (2013)

Immer mehr Ärzte in Festanstellung

shutterstock 322330934Africa Studio/shutterstock.comDie Zahl der Ärzte steigt, aber der Bedarf steigt schneller.“ So fasste Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), die Ergebnisse der Ärztestatistik für das Jahr 2015 zusammen. Wie aus den Daten der BÄK hervorgeht, erhöhte sich die Zahl der bei den Landesärztekammern gemeldeten ärztlich tätigen Mediziner im vergangenen Jahr nur leicht um 1,7 %. Das bedeutet einen Anstieg um 6.055 Ärzte auf nunmehr 371.302 bundesweit. Davon arbeiteten 189.622 im Krankenhaus (+ 1,8 %). Ambulant tätig waren 150.106 Ärzte (+ 1,5 %). Gleichzeitig stieg die Zahl der Behandlungsfälle kontinuierlich an, und ein Ende dieses Trends ist nicht in Sicht. Zwischen 2004 und 2014 erhöhte sich die Zahl der ambulanten Behandlungen in Deutschland um 152 Millionen. Ähnlich sieht es in den Krankenhäusern aus. Die Unternehmensberatung Deloitte prognostiziert bis zum Jahr 2030 eine Zunahme der Fallzahlen im stationären Bereich um mehr als 12 %. Verantwortlich dafür ist vor allem der steigende Behandlungsbedarf einer alternden Gesellschaft. Im Jahr 2015 betrug der Anteil der über 60-Jährigen Patienten in den Krankenhäusern 51,5 %. Bis zum Jahr 2030 erwarten die Experten von Deloitte einen Anstieg auf 60,8 %.

Nicht nur die Gesellschaft insgesamt altert, sondern mit ihr auch die Ärzteschaft. Zwar stieg im Jahr 2015 der Anteil der unter 35-Jährigen Ärzte um 0,2 Prozentpunkte auf 18,5 %. Dem steht aber bei den über 59-Jährigen ein Zuwachs auf 17,3 % gegenüber (Vorjahr: 16,4 %). Weiterhin ist der Anteil der 40- bis 49-Jährigen von 25,2 % auf 24,1 % zurückgegangen, während der Anteil der 50-bis 59-Jährigen von 28,5 % auf 28,6 % anstieg. Damit gibt es viel mehr 50- bis 59-Jährige als 40- bis 49-Jährige Ärzte.

Zudem verschieben sich bei den Jungmedizinern die persönlichen Prioritäten. „Es wächst eine sehr selbstbewusste Ärztegeneration nach. Sie ist verständlicherweise nicht mehr bereit, Versorgungslücken bedingungslos auf Kosten der eigenen Lebensplanung zu schließen“, so Montgomery. Wie Umfragen zeigen, räumen die angehenden Mediziner der Vereinbarkeit von Familie und Beruf die höchste Priorität ein. Knapp dahinter folgt der Wunsch nach geregelten und flexibel gestaltbaren Arbeitszeiten – noch vor guten Verdienstmöglichkeiten.

Dementsprechend entscheiden sich immer mehr Ärzte gegen eine Vollzeitstelle. Betrug der Anteil der Teilzeitärzte an allen niedergelassenen Ärzten im Jahr 2009 noch 5 %, so waren es im Jahr 2013 bereits 13,6 %. Einer Studie des Forschungsinstituts Prognos zufolge sank die tatsächlich geleistete Wochenarbeitszeit der Ärzte in den Praxen von durchschnittlich 42,6 Stunden im Jahr 2011 auf 40,2 Stunden im Jahr 2014. Bei den Krankenhausärzten ging die Zahl der geleisteten Wochenstunden zwischen den Jahren 1991 und 2013 von 37,6 auf 29,8 Stunden zurück.

Medizinstudium weiterhin attraktiv

Derzeit studieren in Deutschland rund 86.000 Personen das Fach Humanmedizin - davon sind rund 61 % Frauen. Die Anzahl der Studienanfänger hat in den vergangenen zehn Jahren leicht zugenommen: Im Jahr 2013 studierten rund 2.000 Personen mehr im 1. Fachsemester als noch im Jahr 2004. Die Anzahl der Bewerber für einen Medizinstudienplatz übertrifft die Anzahl der Studienplätze weiterhin um ein Vielfaches.

Fächergruppe Studienplätze im WS 2015/2016
Geisteswissenschaften 348.069
Sport 27.563
Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften 997.580
Mathematik, Naturwissenschaften 314.922
Humanmedizin / Gesundheitswissenschaften 164.971
Agrar-, Forst- und Ernährungswissenschaften, Veterinärmedizin 62.188
Ingenieurwissenschaften 739.507
Kunst, Kunstwissenschaft 94.019

Segment wächst stärker als der Durchschnitt

Die Branche Pflege und Soziales verzeichnete im Oktober 2015 mit plus 93.000 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten den absolut größten Zuwachs aller Branchen gegenüber dem Vorjahr. Sie lag damit vor dem Handel (+83.000), Sonstige wirtschaftliche Dienstleistungen (+75.000) sowie Qualifizierte Unternehmensdienstleistungen (+69.000). Insgesamt wuchs die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung um 713.000 Personen in diesem Zeitraum. „Jede siebte neue sozialversicherungspflichtige Beschäftigung ist im letzten Jahr im Bereich Pflege und Soziales entstanden. Damit ist diese Branche Jobmotor Nummer eins in Deutschland“, erklärte Rainer Brüderle, Präsident des bpa Arbeitgeberverbandes. Und weiter: „In der Pflege entstehen die sichersten Arbeitsplätze der nächsten Jahrzehnte. Es steht also besser um die Berufsaussichten im Pflege- und Sozialbereich als es von vielen Seiten oft suggeriert wird, wenn hier einerseits immer mehr Jobs entstehen und sich andererseits immer mehr Menschen für genau diesen Beruf entscheiden.“

Die Zahl der Beschäftigten ist im Gesundheitswesen zwischen 2009 und 2014 um zehn Prozent gestiegen. Mit einem Plus von vier Prozent (21.000) war 2014 die Altenpflege der stärkste Wachstumssektor dabei. Bis 2030 werden im Pflegebereich jährlich 20.000 neue Fachkräfte benötigt. Der Beruf der Altenpflegefachkraft, aber auch der Altenpflegehilfskraft wird seit Jahren von der Bundesagentur für  Arbeit als Engpassberuf aufgeführt, das heißt, es gibt grundsätzlich pro Stelle weniger als drei Bewerberinnen oder Bewerber.

Und: Die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland wird in den nächsten Jahrzehnten gewaltig ansteigen: Galten 2013 insgesamt 2,6 Millionen Menschen als pflegebedürftig, prognostiziert das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung für 2030 einen Zuwachs auf fast 3,5 Millionen und für das Jahr 2045 auf knapp 4,4 Millionen - allein der Anteil der über 80-Jährigen steigt in diesem Zeitraum von 1, 4 auf über 3 Millionen.

Marktdaten zu Medizintechnik

shutterstock 88515778Alexander Raths/shutterstock.comDer Bereich der Medizintechnik umfasst alle möglichen technischen Gerätschaften auf dem Gebiet der Medizin – von der Zahnspange bis zum Kernspintomographen. Produkte der Medizintechnik finden sich in nahezu allen Segmenten des Gesundheitswesens: in der Diagnostik, der Prävention, den Behandlungen und Operationen sowie in der Rehabilitation. Von zentraler Bedeutung ist die medizinische Ausstattung von Krankenhäusern und Arztpraxen. Bildgebende Diagnostika, medizinische Informatik, technische Therapiegeräte aber auch medizinische Hilfsmittel wie Prothesen, Seh- oder Gehhilfen fallen in diesen Bereich.

Deutschland gehört neben den USA und Japan zu den führenden Produzenten von Medizintechnik. Die stark exportorientierte Branche – die Exportquote liegt bei deutlich über 60 % – gehört zu den innovationsintensiven Industrien. Forschung & Entwicklung-Quoten von rund zehn Prozent des Umsatzes, ein hoher Anteil von Forschungspersonal und ein Umsatzanteil innovativer Produkte, die nicht länger als drei Jahre am Markt sind, von rund 30 % bilden dabei die Grundlage für eine starke weltweite Nachfrage nach deutscher Medizintechnik.

Neuer Ausbildungsberuf Pflegefachmann/frau

aok mediendienstAOK MediendienstMit insgesamt mehr als 137.000 Auszubildenden in der Krankenpflege (64.022), Kinderkrankenpflege (6.928) und Altenpflege (66.285) gab es auch im Schuljahr 2014/2015 einen Ausbildungsrekord. Es werden aber in Zukunft noch mehr Pflegekräfte gebraucht, deshalb soll die Pflegeausbildung modernisiert und attraktiver gestaltet werden. Der Bundesrat hat der Reform der Pflegeausbildung bereits grundsätzlich zugestimmt, der Bundestag beriet das neue Pflegeberufegesetz erstmals am 18. März.

Die Ausbildungen in der Alten-, Kinderkranken- und Krankenpflege sollen zu einer gemeinsamen Ausbildung mit Schwerpunktsetzung weiterentwickelt werden. Denn Pflegekräfte müssen in Pflegeeinrichtungen zunehmend auch mehrfach und chronisch Kranke versorgen. Und eine Pflegekraft im Krankenhaus braucht Kenntnisse in der Versorgung demenziell Erkrankter. Mit der neuen Pflegeausbildung werden Pflegekräfte besser auf diese veränderten Anforderungen in der Pflege vorbereitet. Außerdem erhalten Pflegekräfte mehr Berufs- und Aufstiegschancen. Das Schulgeld wird abgeschafft, stattdessen wird eine Ausbildungsvergütung bezahlt. Ergänzend zur fachberuflichen Pflegeausbildung wird erstmals eine bundesgesetzliche Grundlage für ein Pflegestudium geschaffen. Das trägt dazu bei die Pflegequalität weiter zu steigern.

Bis 2030 wird eine Versorgungslücke von bis zu 500.000 Vollzeitkräften prognostiziert. Die Anzahl der Pflegebedürftigen wird in den kommenden 15 Jahren von heute 2,6 auf dann 3,3 Millionen ansteigen. Zudem werden künftig zunehmend übergreifende pflegerische Qualifikationen benötigt, beispielsweise durch den Anstieg an Demenzkranken in medizinischen Versorgungseinrichtungen.

Azubi-Vergütung in der Spitzengruppe

shutterstock 161941718Antonio Guillem/shutterstock.com„Die neuen Zahlen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) für die Ausbildungsvergütungen in 20 ausgewählten Berufen im Jahre 2015 machen deutlich, dass die Bezahlung von Auszubildenden in der Altenpflege in der Spitzengruppe aller Vergütungen für Auszubildende in Deutschland liegt“, erklärt bpa Arbeitgeberpräsident, Rainer Brüderle. „Legt man die durchschnittliche tarifliche Vergütung in der Pflege in Höhe von 1.050,38 € zugrunde, dann liegt die Altenpflege auf Rang zwei aller Azubi-Gehälter. Da alle Pflegeeinrichtungen nach einem Entscheid des Bundesarbeitsgerichts mindestens 80 % des TVöD zahlen müssen, was einer Mindestvergütung von 840,30 € entspricht, liegt die Pflegebranche immerhin noch hinter den Verwaltungsfachangestellten (895,- €) und vor dem Einzelhandel (827,- €) auf Platz 8 von 21 und damit in der Spitzengruppe. Die niedrigste Ausbildungsvergütung in der Pflege liegt höher als Zweidrittel der vom BIBB ausgewählten Tarifausbildungsgehälter“, so Rainer Brüderle.

Auch der Fitnessmarkt boomt

shutterstock 122094121Minerva Studio/shutterstock.comIm Jahr 2015 kann die Fitness- und Gesundheitsbranche in Bezug auf die Mitgliederzahl einen neuen Höchststand vermelden. Der Anstieg von 9,08 Millionen auf 9,46 Millionen Trainierende entspricht einer Steigerungsrate im Gesamtmarkt von 4,2 %. Damit bleibt Fitnesstraining weiterhin die mitgliederstärkste Trainingsform in Deutschland, mit mehr Mitgliedern als Fußball (6,89 Millionen). Die positive Entwicklung der Fitness- und Gesundheitsbranche zeigt sich auch in der Erhöhung der Anlagenanzahl. Hier hat sich die Zahl der Fitness- und Gesundheits-Studios im Jahr 2015 von 8.026 auf nun insgesamt 8.332 Anlagen erhöht. Somit konnte die Branche mit 3,8 % ein stärkeres Anlagenwachstum im Vergleich zum Vorjahr (+1,1 %) verzeichnen.

In 8.332 Fitness- und Gesundheits-Anlagen arbeiten knapp 206.000 Personen. Das Thema Weiterbildung spielt in 2015 für die Betreiber eine wesentliche Rolle. 100 % der Kettenbetriebe und 92,5 % der Einzelbetriebe geben an, ihre Mitarbeiter weitergebildet zu haben, unter anderem mit nebenberuflichen Weiterbildungen z. B. zum Fitnessfachwirt oder zum Berater für betriebliches Gesundheitsmanagement. Gleichzeitig setzten 3.700 Unternehmen auf nunmehr über 6.300 Studierende und profitieren bei den dualen Bachelor-Studiengängen, wie z.B. Fitnessökonomie, Fitnesstraining oder Sportökonomie von der Verbindung eines 3,5-jährigen Studiums und einer Festanstellung von Nachwuchsführungskräften.

Quellen: Gesundheitsausgabenbericht 2014 des Statistischen Bundesamtes von März 2016, DIHK-Report Gesundheitswirtschaft (August 2015), Ärztestatistik der KBV (Kassenärztliche Bundesvereinigung), Arbeitsmarktbericht Dezember 2015 der Bundesagentur für Arbeit, Bundesministerium für Gesundheit

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